christine knuchel

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Ausstellung Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg - 03.12.21 - 26.02.2022

Christine Knuchel
In allen Dingen die Ruhe suchen

Die zweite Ausstellung von Christine Knuchel in der Rüegg-Stiftung – nun in neuen, traditionsreichen Räumen –, regt dazu an, über das Verhältnis zwischen Natur und Kunst nachzudenken. Knuchels Realismus, ihr Naturalismus macht Momente der Berührung durch vordergründig unscheinbare Begegnungen mit der Natur nachempfindbar. Ihre Kunst gibt diesen individuellen Begegnungen mit der Natur einen dauerhaften, kollektiven Wert. Dieses im Grunde soziale Anliegen des Teilens einer persönlichen Erfahrung und Empfindung verbindet das Werk Knuchels mit den Arbeiten der Stiftungsgründer Melanie und Albert Rüegg. Auch ihnen ging es darum, die Art und Weise, wie sie die Welt sahen, mit uns zu teilen: Melanie im vibrierenden Nachfühlen von innigen Szenerien – Albert in der direkten Konfrontation mit Cutouts aus der Alltagswelt.

<Neben dem Beschauer säuselten und rauschten schon die einzelnen dürren Halmen des Heckengrases von dem Windchen erregt, das sich nach so langer stiller Zeit erhob, und den Umschwung der Dinge verkündete. Auf dem wärmeren Tieflande, das gegen Mittag ist, und auf dem ganzen Gürtel des glänzenden Hochgebirges der Alpen, wodurch es am Rande beschlossen wird, lag noch der helle, leuchtende Sonnenschein, als würde erst später über jene gesegneten Länder das traurige Nasskalt des späten Herbstes hereinbrechen.> Die Passage aus Adalbert Stifters Erzählung <Der Waldgänger> aus dem Jahr 1847 zeugt von einer Geistesverwandtschaft zwischen dem Erzähler, der beschreibt wie ein Maler, und der Malerin Christine Knuchel, von der man vielleicht sagen könnte, dass sie malt wie eine Erzählerin. Stifter beschreibt und begreift die Natur als lebendigen Kosmos, ständig in Veränderung, ständig reagierend auf Licht und Luft, ständig dem Wandel der Zeit ausgesetzt. Und natürlich als Sinnbild und Ausdruck eines grösseren Zyklus von Werden und Vergehen.

Dass die Natur lebt, genauso wie wir Menschen, erlebt man auf dem Land. Hier ist die Malerin Christine Knuchel zu Hause: im tiefsten Aargau. Ein paar Schritte von ihrem Wohnort entfernt, findet sie bereits Motive für ihre Malerei. Ihr Blick neigt sich dabei nach unten, streift durch Gräser, Blumen, Halme. Die Perspektive ist die eines Tieres. Ihr Blick hält still im durchaus Gewöhnlichen, Unspektakulären, und entdeckt genau hier, im vermeintlich Unbedeutenden, etwas, das sich festzuhalten lohnt. Entdeckt hier Bedeutung.

Bedeutung liegt für Christine Knuchel in einer ganz bestimmten Konstellation aus Raum und Zeit, von Ausschnitt und Licht. In einem erhellenden Schlüsselmoment, der auch das Dunkel, der auch Schatten kennt. Malerei ist Lichtkunst. Knuchels Malerei entwickelt sich ganz aus dem Dunkel heraus. Anfangs ist die Leinwand nicht weiss sondern schwarz grundiert. Aus dem tiefen Schwarz arbeitet sie sich in einem Prozess, der sich für ein einziges, grossformatiges Bild über neun Monate erstrecken kann, ins Licht.

Seit einiger Zeit malt die Künstlerin ihre Bilder nach Fotografien. Das Licht der Lichtkunst Malerei vermag aber keine Fotografie zu spenden. So sind Knuchels Bilder auch nicht wirklich fotografierbar. Ihr eigentlicher Zauber ereignet sich nur vor dem Original. Ob dieses malerische Kunst-Licht natürlich ist, darüber liesse sich debattieren. Es erweckt immerhin den Anschein, dass es natürlich sei. Es ist nicht unmöglich. Und doch ist es ein Licht, das rar ist. Es sind diese ganz speziellen Momente, in denen alles stimmt, in denen das Dunkle mit dem Hellen korrespondiert und in Einklang steht – in denen die Zeit still steht.

Im Gespräch mit der Künstlerin zeigt sich, dass sie nicht über die Darstellung dieses Moments hinaus will. Sie will somit nichts überhöhen. Es liesse sich aber wohl auch nichts überhöhen – denn diese Momente, in denen alles stimmt, lassen sich nicht steigern. Sie sind vollkommen, sie tragen alles in sich, was die Natur – und unsere Wahrnehmung von ihr – so einzigartig macht. <Wie viel braucht es, dass dieses Gefühl, das ich in der Natur vor dem Motiv gehabt habe, wieder erscheint?> –  das sei die Frage, die sie beim Malen antreibe, beschreibt die Künstlerin. Es überhaupt wieder entstehen zu lassen, <dieses Gefühl>, muss schwierig genug sein. Schliesslich ist Malerei künstliche Natur, die sich auf zwei Dimensionen abspielt, und die weder Geruch noch Geräusch kennt. <Die Amsel hat gesungen>, erzählt die Künstlerin. Wie lässt sich der Gesang der Amsel in Malerei übersetzen? Genau das ist die Herausforderung dieser Kunst.

<Natur ist immer viel interessanter als das, was uns in den Sinn kommt.> Deshalb erfindet Knuchel kaum etwas in ihren Bildern. Warum ist Natur interessanter, als das, was wir uns vorstellen können? Weil in der Natur auch das äusserst Unwahrscheinliche vorkommt? Weil das Hochspannende neben dem Todlangweiligen stehen kann? Weil Natur viel komplexer ist, als wir uns das einbilden können? Wir sprechen mit der Künstlerin über die besondere Biegung eines Grashalms. Über die Wichtigkeit, dass sich der Grashalm exakt so biegt, wie er sich biegt. Über das, was uns diese besondere Biegung sagen kann. Über das Alter des Grashalms somit, über seine Gesundheit, über sein Befinden.

Und dann das Licht: über den Glanz auf einem Blatt. Der mit dem nächsten Windchen entschwinden könnte. Oder mit dem Lauf der Sonne. Oder mit der Ernährung des Blattes, die sich auf seine Oberfläche auswirkt. Diese Mikrokosmen verwebt Knuchel, verwebt die Natur zu einem komplexen, grösseren Ganzen, von dem ihre Kunst eine Vorstellung gibt. Eine Vorstellung wie auf einer Bühne – Standbild einer natürlichen Inszenierung.

Ausnahmen gibt es: dass die Künstlerin etwas erfindet, dass sie etwas hinzufügt (weglassen scheint seltener vorzukommen). Wenn man sie kennt, diese erfundenen Ausnahmen, meint man auch die Unterschiede zum naturalistisch Wiedergegebenen zu erkennen. Die erfundenen Passagen wirken ein wenig bewegter, dynamischer – die (vermeintlichen?) Wiederholungen des in der Natur Vorgefundenen sind ihnen weniger eigen. Neuerdings malt Knuchel auch Bilder, die vollends <erfunden> sind. Beginnt hier ein Spätwerk, nochmals etwas ganz Neues? Wir sparen diese Werkgruppe auf für eine nächste, dritte Ausstellung in der Rüegg-Stiftung.

Zurück also zu dem, was wir eigentlich nicht gern <Realismus> nennen. Der Begriff ist zu technisch, entspricht wie auch die <Rekonstruktion> nicht dem eigentlichen Anliegen der Künstlerin. Denn was sie uns zeigen möchte, ist gerade dieses wenig Realistische, sind diese seltenen Ausnahmemomente, die in der Natur präsent und verborgen sind für die, die so interessiert und so aufmerksam und so empfindsam sind, sie zu erkennen. Man ist versucht zu sagen, dass diese besondere Aufmerksamkeit an Demut gekoppelt ist. Und stösst dabei auf das Anmassende, Verkehrte unserer Weltwahrnehmung. Demut müssten wir uns eigentlich eher von der Natur erbitten: dafür, dass wir so oberflächlich und abgelenkt, so simplifizierend geworden sind, um ihre Komplexität nicht mehr zu würdigen. Dafür, dass wir der digitalen Simulation so viel Raum und Zeit geben, dass uns die Zeit fehlt für die Auseinandersetzung mit dem, was schon da ist.

Die <Realitäten>, denen Knuchel sich so akribisch hingibt, sind geradezu irreal, sind <auserwählt> (Knuchel). <Ich weiss nicht, was es genau ist, das mich dabei berührt>, sagt sie. Das Berührende liegt offenbar gerade darin, dass es nicht benannt, nicht beschrieben werden kann. Es ist einfach da. War da. Denn im Moment, in dem es erkannt wird, in dem es bewusst wird, ist es bereits wieder weg. Verschwunden. Das Licht ist nicht mehr dasselbe. <Ich kann am nächsten Tag wieder genau an die selbe Stelle zurückkommen – und sie erscheint mir langweilig.> Wir sprechen darüber, was der Anteil der eigenen Wahrnehmung an diesen <besonderen Momenten> sein könnte. Ein Thema für ein öffentliches Gespräch mit der Künstlerin?

Bei der Übertragung der Fotografie auf die Leinwand verwendet Knuchel weder Raster noch Projektion. Sie pinnt die Fotografie einfach neben die Leinwand – und beginnt zu malen. Meist komme sie dann irgendwann in einen <schiefen Rank>, meist stelle sich ein Problem, das sich nur durch Erfindungen lösen lässt. In der freien Natur, <plein air>, würden sich diese besonderen Momente sowieso nicht festhalten lassen, weil die Wiedergabe viel zu viel Zeit in Anspruch nähme – dabei hätte das Licht sich längst verändert. Das Licht: Knuchels Malerei leuchtet von innen heraus. Also doch etwas, was die Natur nicht kann? Es würde nicht wundern, wenn die Künstlerin der Natur auch diese Fähigkeit zusprechen würde. Denn es geht hier letztlich nicht um eine Trennung – zwischen Natur und Kunst. Sondern um das Gegenteil: um eine Verbindung, um eine Verwandtschaft, um eine Übereinstimmung.

Am Rand erwähnt die Künstlerin den Begriff der <unio mystica>. Und spielt damit an auf eine mystische Vereinigung zwischen Kunst und Natur, Mensch und Pflanzen. Wir lassen es offen. Schliesslich ist der Mensch auch Natur – was wir nur allzuoft vergessen. In der stundenlangen, wochenlangen, monatelangen Wiederherstellung eines Moments liegt die Bedeutung dieser Kunst. Dafür ist dieser Moment dann da – für immer. Was ein Augenblick war, kann nun dauerhaft, ruhig, kontemplativ auf uns einwirken. Das ist der Zauber der Kunst. Und wenn Christine Knuchel sagt, dass sie sich manchmal fragen würde, ob sie mit dieser langwierigen Tätigkeit nicht ihr ganzes Leben verpasst hätte, dann ist die Antwort darauf, dass sie diesen unscheinbaren, besonderen Momenten in ihrer Kunst eine Bedeutung gibt, einen dauerhaften Wert. Und: dass sie damit, mit ihrer Malerei, anderen die Gelegenheit dazu verschafft, an diesem vordergründig unscheinbaren Schauspiel auf den Bühnen der Natur teilhaben zu lassen.

Simon Maurer, Stiftungsrat    


Gedanken zu meiner Arbeit

Es ist insofern schwierig, etwas über meine Arbeit zu sagen, weil das, was meine Arbeit betrifft, sich im nonverbalen Teil des Gehirns abspielt. Das beginnt beim Moment, wo ich mich entscheide, etwas zu malen. ich habe festgestellt, dass es Anblicke gibt, die in mir ein Glücksgefühl auslösen. Ob es mit der Beleuchtung, den Farben, Formen und Strukturen zusammenhängt, weiss ich nicht. Tatsache ist: Es wird Endorphin ausgeschüttet.-

Das zweite, dass ich dann den Wunsch verspüre, diesen Anblick zu malen, ist mir ebenfalls unerklärlich. Wieso sich diese grosse Arbeit machen? -

Das dritte, die Ausführung des Vorhabens, ist eine Tätigkeit, die ebenfalls nichts mit Worten zu tun hat: Ich sitze vor der Leinwand und male abstrakte Formen: Linien, Kreisähnliches, Dreiecksähnliches etc. Wenn man ein paar Schritte wegtritt und hinschaut, sieht man, dass es sich um eine Wiese handelt.

Interessanterweise erzählen Betrachter oft, dass das Anschauen meiner Wiesen bei ihnen ein Glücksgefühl auslöst, wobei wir wieder beim Anfang wären: Auch sie wissen nicht, weshalb.

Ich nehme an, dass diejenigen Orte im Gehirn, welche nichts mit Worten zu tun haben, schlechter erforscht sind, als das Sprachzentrum; und: Wer möchte schon malen wie er sein Osterwochenende verbracht hat, wo es doch viel einfacher ist, davon zu erzählen.

Deshalb macht es keinen Sinn über meine Bilder zu reden, man muss sie anschauen.



Interview mit Klaus Merz in der Sendung "Poesie & bildende Kunst" im Südwestfunk

Journalist Michael Braun: Vor uns liegt aber nun noch ein weiteres Gedicht, das sich mit einem Werk von Christine Knuchel beschäftigt. Vielen dürfte sie unbekannt sein. Was ist das für eine Künstlerin?

Klaus Merz: Christine Knuchel wohnt in meiner Gegend, im Aargau, meine Frau und ich sind mit ihr befreundet. Sie ist eine Vollblutkünstlerin, hat früher mit textilem Material, dann eher wild gemalt, und heute arbeitet sie im weitesten Sinn fotorealistisch. Also: Sie – geht immer, wie´s mich dünkt, auf´s Ganze. Was sie macht, macht sie ganz. Und ohne Rücksicht auf mögliche Verluste. Als sie mich um einen Text zu einem Ausstellungskatalog gebeten hat, habe ich zwei Bilder ausgewählt. So ist mein Gedicht, das ja eine kleine Hommage ist, entstanden:

Klaus Merz

Am Auslug
Zu Christine Knuchel


In den Himmel hinab.
Ins Meer hinauf. Wo du
die Pinsel führst, ist die Richtung gegeben:
in die Mitte hinein
immer.


Dämme brechen. Wasser
quellen über. Es scheinen
ferne Welten auf, nahe.
In deinen Oasen laufen
Karawanen zusammen.


Fällt auf die ausgebrannten Täler
Asche und Nacht, balancieren wir
blind der entzündeten Pinselspur
entlang, und sehen, zwischen Blitz
und Blitz in Farbe, was ist. Was wäre.
Was war.



Ich schaute die Ausstellung an und dachte plötzlich: Da fehlt etwas. Ich stellte mir vor, dass der Raum ganz dunkel ist. Nun beginnt jedes Bild für sich von innen heraus zu leuchten. Jetzt weiß ich auch, was fehlte: Die Musik. Die Bilder von Christine Knuchel sind filmisch, die Künstlerin spielt nicht nur gekonnt mit Hell und Dunkel, sie komponiert nicht - wie üblicherweise ein Maler- auf einer Fläche, sie inszeniert ihre Motive, sie stellt sie auf eine Bühne, jedes Bild eine Diva.

Christine Knuchel malt so, dass ich denke, ja, eine herrliche Blume, und gleichzeitig sehe ich auch, dass sie gemalt ist, verdammt gut gemalt. Die Malerin führt Lichtregie. Das ist der Punkt. Ich bin im Kino der Malerei, es geht um Imagination, Christine Knuchel ist eine Illusionistin, das ist großes Kino - und jetzt höre ich endlich auch die Musik. Nichts mehr fehlt.

Silvio Blatter

Es gibt neue Arbeiten in den Bereichen Pflanzen, Malerei und Video


Gedanken zu meiner Arbeit

Ich möchte, dass meine Bilder für die Käufer/innen wie ein Fenster sind. Man betrachtet die Aussicht, die man aus diesem Fenster hat, tagtäglich. Mit der Zeit gehört diese Aussicht zum Heimatgefühl. Das Praktische an dieser Heimat ist, dass man sie mitnehmen kann, wenn man umzieht.

Zufällig habe ich an einem Julitag gesehen, wie prächtig meine Wiese aussieht: Feuerrroter, zartblättriger Mohn, der bei jedem Windchen zittert. Fruchtkörper, die aussehen wie preziöse Behälter, die etwas ganz Kleines aufbewahren.
Ich beschliesse, die Wiese zu malen. - Eine Woche später ist draussen die ganze Schönheit weg. Es hat geregnet, der Mohn ist entblättert, die Nachtkerzen braun. Die ganze Prachtentfaltung für zwei bis drei Tage. Eine Riesenverschwendung. Niemand ausser mir hat es gesehen. Es spielte sich fern vom Weltgeschehen ab. Die Presse hat nicht davon berichtet.
Ich male sechs Monate, um diesen atemberaubenden Moment festzuhalten.

Ich liebe die Wiese, die ich male. Ich streichle mit dem Pinsel den Stoff so lange, bis die Gräser und Blumen so aussehen, dass sie mit ihrem Abbild zufrieden wären. Es sind Portraits.

Von 1974 bis 1994 fuhr ich nicht mehr Auto. Die Zerstörung der Wälder, und dass niemand ernsthaft etwas dagegen unternimmt, machte mich wütend. Ich kann einem Baum noch in die Augen schauen, denn ich habe mich in meinem Rahmen bemüht. 1981 kreierte ich neue Fahnen: Die neue grosse Schweizerfahne mit dem Titel: - Neue, grosse Schweizerfahne.
Sie wurde von der Eidgenossenschaft in Auftrag gegeben, als unsere drei wichtigsten Ziele: Reine Luft, sauberes Wasser und unverschmutzter Boden erreicht worden waren.
Neue, grosse Aargauerfahne, Titel: Aargau, Land der Ströme, du hast als erster Kanton die drei wichtigsten Ziele: Reine Luft, sauberes Wasser und unverschmutzter Boden erkannt und umgesetzt. Natürlich war das überhaupt nicht der Fall. Ich bekam zwar für die Arbeiten einen Kuratoriumsbeitrag, aber vom Thema redete niemand.

Es liegt mir nicht, mit Zerstörung auf Zerstörung zu reagieren. Ich versuchte und versuche es immer wieder mit Beschwörung. Ich beschwöre Schönheit. Schönheit sei kristallisierte Liebe, sagte ein Philosoph des 20. Jahrhunderts. Aus Liebe entsteht Frieden. An dieser Arbeit bin ich dran.


Annelise Zwez im "Kunstbulletin" 3/2011:

Wenn sie ein «heiliger Schauder» erfasse, dann fotografiere sie und dann male sie, bis er wieder da sei, sagt Christine Knuchel, die aktuell einige Wiesenstücke zeigt. Mit der Präsentation von Knuchels Schaffen verabschiedet sich Elisabeth Staffelbach aus dem Galeriebetrieb.

Zürich — Im Zentrum der Ausstellung stehen neue, teils grossformatige Wiesenstücke. Es sind minutiös gemalte Blicke in frühsommerliche Wiesenpartien unweit der beiden Wohnorte von Christine Knuchel im aargauischen Gontenschwil respektive im bündnerischen Mathon. Sie als fotorealistisch zu bezeichnen trifft die \/orgehensweise der Künstlerin nicht exakt. Sie projiziert ihre Fotos nicht auf die Leinwand. Sie dienen ihr lediglich als eine Art Vergewisserung der kurzen Zeitspanne, in der sie erlebte, wie das Licht die blühende Natur über sich selbst zu erheben schien. Die 67-jährige Künstlerin spricht von «Unio mystica», um zu beschreiben, was sie antreibt. Und sie schreckt nicht vor der Zeit, die sie braucht, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen; oft malt sie monatelang an ein- und demselben Bild, mit feinen und feinsten Pinseln. «Ich brauche dieselbe Zeit, um zu malen, wie die Blumen und Gräser, um zu wachsen», lacht sie.

Die Botanik spielt eine gewisse Rolle; das „Dritte grosse Wiesenstück“ von 2009/10 ist nicht zuletzt eine Hommage an den Fingerhut, so wie das erste den Mohn her­vorhob und das zweite die Malven zu Protagonisten machte. Die neue „Grosse Berg­wiese“ erleuchtet unter anderem den Sauerampfer; nicht zufällig ein so genanntes Unkraut. Doch das «Glücksmoment», das Knuchel sucht, ist emotionaler Natur, das Sich-eins-Fühlen mit dem Bild. Originaltreue ist dabei nicht zwingend. Ohne zu zögern, verändert sie Proportionen, um Bedeutung herauszuschälen, oder sie lässt hinter der Wiese einen Wald wachsen, wo vor Ort eigentlich Obstbäume stünden. Denn der Wald ist dunkler und lässt so das einfallende Licht besser hervortreten. Wie eins der Romantik, ist in ihren Bildern das Gegenlicht oft Quelle der Magie. Viele Wiesenstücke haben ein panoramaartiges Format. Knuchel verweist dazu auf die Proportionen ihres Aargauer Ateliers, doch wichtig sei ebenso, dass wir den Kopf drehen, ein Blick ausweiten müssten, um das ganze Bild zu sehen.

Die Ausstellung hat auch eine besondere kulturelle Dimension. Mit ihr geht eine 32-jährige Schweizer Galerie-Geschichte zu Ende. 1978 hatte Elisabeth Staffelbach in Lenzburg die Galerie Brättligäu gegründet; später zog sie ins „Bahnhöfli“, dann nach Aarau. 2008 ging sie mit Esther Hufschmid eine Gemeinschaft in Zürich ein, die nun aufgelöst wird. Staffelbach zeigte stets Kunst am Puls der Zeit, ebenso als dem Aargau wie der ganzen Schweiz. Immer auch junge Kunst zu zeigen war ihr bis zuletzt wichtig.

 
 

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